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Faehrhaus1

 

Die Fähre   (Dr. Friedrich Stoll)

Quelle: Fahrdorfer Chronik von 1994, (S. 103-109) 

Mit großer Wahrscheinlichkeit leitet Fahrdorf seinen Namen von der Fähre ab, die hier das nördliche mit dem südlichen Schleiufer verband.(91) Es ist anzunehmen, dass das St. Johanniskloster vor Schleswig die Fähre einrichtete, als es größeren Landbesitz auf dem südlichen Schleiufer erwarb. Damit ergab sich die Notwendigkeit, vom Kloster aus diese sogenannten Überschleiischen Dörfer zu verwalten bzw. Abgaben und Dienstleistungen einzufordern. Wann das war, ist urkundlich nicht zu bestimmen. Zwar war das Dorf Jagel schon seit 1323 im Eigentum des Klosters(92), weiteren einträglichen Landbesitz kann das Kloster aber erst vom Beginn des 15. Jahrhunderts an erworben haben.

Bis dahin wird es in mehreren Urkunden als sehr arm beschrieben.(93) Sei es, daß schon vor 1400 eine Siedlung auf dem südlichen Schleiufer existierte oder daß sie erst jetzt um den Fähranleger herum entstand, jedenfalls hat sie wahrscheinlich erst im 15. Jahrhundert den Namen Fahrdorf erhalten. Wem diese wirtschaftsgeschichtliche Deutung nicht gefällt, der muss sich .an eine alte dänische Legende halten. Danach hat schon in sagenhafter Vorzeit ein Fährmann hier seinen Beruf ausgeübt. Es soll sich um St. Christophorus persönlich gehandelt haben, der eines Tages auf seinen starken Schultern das Jesuskind bei Fahrdorf über die Schlei trug und erst an dessen ungewöhnlicher Schwere merkte, dass er den Herrn der Welt übergesetzt hatte.

Urkundlich belegt ist die Existenz der Fähre zum ersten Mal1625 in einem Rechnungsbuch und 1626, als das Kloster 112 Bohle Land und das Fährhaus für drei Mark lübsch verpachtete. Schon damals musse der Fährmann Dettleff Tams die Klosterfräulein und ihre Diener kostenlos übersetzen. Als die kaiserlichen Truppen im Verlauf des 30jährigen Krieges Jütland eroberten (1627- 1629), hatte auch Fahrdorf unter den Kriegsläuften stark zu leiden. Damals wurde auch "Dettleff Tarnsen sein Haus zu Fardorff von den kaiserlichen Soldaten angesticket und auffgebrannt". Aus dieser Zeit muss auch eine undatierte Urkunde stammen, in der der ehemalige Fährmann zu Fahrdorf das Kloster um eine Hufe in Loopstedt zu seinem Lebensunterhalt bittet: Durch verschiedene Unglücksfälle, Krieg und Brand habe er die Fähre nicht mehr halten und sie an seinen Schwiegersohn abgeben müssen. Dadurch sei ihm "an seiner Nahrung ein ziemliches abgegangen". Jetzt fürchte er, im Alter kein Auskommen mehr zu haben.


 

Ein Hofland in Loopstedt erhält Casten Tambsen, Bauernvogt und Fährmann über die Schlei, im Jahr 1638 zur lebenslangen Nutznießung und zwar ohne Gegenleistung. Eine Besonderheit stellt der Vertrag von 1661 dar. Es ist das einzige Mal, dass eine Frau die Fähre festet (pachtet). Margarete Tetens bezahlt dafür 30 Mark lübsch und übernimmt die auf dem dazugehörigen Land ruhende Schuld von 500 Mark lübsch. Es handelt sich um eine halbe Hufe, eine Wiese auf dem Füsinger Feld und das Fährhaus. Den Fährkahn muss sie selbst anschaffen und unterhalten. Es fehlt in diesem Vertrag auch nicht die ernste Drohung, dass sie aller Rechte verlustig gehen soll, wenn sie sich säumig oder ansonsten ungebührlich verhalten sollte. Nach Margarete Tetens übten ihr Sohn Hans, dann kurze Zeit ein Capitain von der Luthe und schließlich Bendix Hildebrand, ein "Bürger und Parüqvier (wohl Perückenmacher) aus Schleswig", das Amt des Fährmanns aus. Zu dieser Zeit hatte der Fährmann auch die Krug-Gerechtigkeit inne, d. h. er durfte Bier und Branntwein ausschenken. Wenn sich Bürger aus Schleswig um die Fähre bemühten und eine Frau wie Margarete Tetens derartig hohe Nebenverpflichtungen übernahm, um die Fähre betreiben zu dürfen, muss das Fährgeschäft eine lukrative Einnahmequelle gewesen sein. Die mit ihm verbundene Fischereigerechtigkeit dürfte diesen Beruf noch zusätzlich attraktiv gestaltet haben. Da auch die Holmer Fischer gelegentlich Passagiere übersetzten, gab es mit ihnen immer wieder Streitigkeiten. 1672 erwirkte das Kloster ein Verbot des Schleswiger Magistrats, dass die Holmer Fischer niemanden übersetzen durften. 1757 mussten die Holmer auf ein gerichtliches Urteil hin einen Fischzaun wieder entfernen, der die Fähre behinderte. Aus diesen Vorgängen ist zu ersehen, dass das Kloster für seinen Fährmann eintrat und dessen Lebensgrundlage wohl zu verteidigen wusste.

1708 hatte jeder Hausmann (Haushaltsvorstand) dem Fährmann 1 Schip Roggen zu zahlen, die Heuerlinge dagegen hatten einen Tag im Jahr Handdienste an der Fahre zu leisten. Die Fahrdorfer aber setzten kostenlos über - sie hatten dem Fährmann die Hollenkoppel zur Nutznießung überlassen. Als Peter Ehlert aus Borgwedel 1768 das Fährhaus mit Scheune, Stall und Torfschuppen "samt allem, was darin erd-, nied- und nagelfest" war, von der Witwe des Claus Jessen kaufte, können wir einen Blick in die Haushaltseinrichtung des Fährmanns werfen: er besaß "acht Bettstellen, worunter eine mit grünen Vorhängen, zwei alte Betten, Tische und Bänke in der täglichen Stube und einen eisernen Ofen". Peter Ehlert erwuchs bereits ein Jahr, nachdem er seine Stelle angetreten hatte, ein ernsthafter Konkurrent. Ein Christian Friedrich Neyendahl versuchte, die Genehmigung zur Einrichtung einer neuen Fähre für Pferd und Wagen zu erlangen, um den sandigen und beschwerlichen Weg von Schleswig nach Eckernförde abzukürzen. Wieder musste das Kloster seine Rechte verteidigen. Es erwähnte in seiner Gegenschrift, dass es in Fahrdorf zwei Anlegestellen gäbe, je nachdem wie Wind und Wetter das Anlegen am bequemsten erlaubten. Ferner hob das Kloster die wirtschaftliche Bedeutung der Fähre für die Verwaltung seiner Dörfer südlich der Schlei hervor, da die dortigen. Untertanen auch gewisse Hofdienste auf dem nördlichen Ufer zu leisten hätten. Das Kloster überzeugte mit seinen Argumenten, die Bemühungen Neyendahls blieben erfolglos. Das Fährgeld muss die Klosterangehörigen zeitweise sehr gedrückt haben. Anders ist eine Beschwerde Peter Ehlerts nicht zu verstehen, dass die Borgwedeler und Stexwiger Abnehmer (Altenteiler) das Fährgeld verweigerten. 1800 verpachtete das Kloster die Fähre an Claus Hinrich Hagge, hinter dem jedoch ein Konsortium Fahrdorfer Hufner stand. Der Pachtvertrag wurde auf 20 Jahre abgeschlossen und enthielt in zwölf ausführlichen Kapiteln genaue Regelungen über alle Rechte und Pflichten des Fährmanns und die Abgaben der umliegenden Dörfer für die Überfahrt. Hagge war Pächter geworden, weil er in einem öffentlichen Versteigerungstermin das höchste Gebot abgegeben hatte. Eine öffentliche Versteigerung erfolgte auch 1820. Aus diesem Jahr ist das Versteigerungsprotokoll erhalten: Detlef Jöns aus Fahrdorf und der Holmer Fischer Johann Christian Meyer treiben in dramatischer Weise den Pachtpreis von ursprünglich 33 Reichstalern hoch auf 50. Jetzt steigt Peter Ehlert, Hufner und Gastwirt zu Fahrdorf, ein. Bei 75 Talern gibt Meyer auf, während Jöns jeweils um einen Taler höher bietet als Ehlert. Bei 110 Reichstalern erhält Ehlert schließlich den Zuschlag. Sein Landbesitz ging später in das Lorenzsche Gut über, dessen Gutshaus noch heute zu sehen ist (Dorfstraße48).


 

Eine Gefahr für den Fährbetrieb entstand 1869, als der Plan aufkam, Fahrdorf mit dem Schleswiger Gelände auf der Freiheit durch einen Damm mit Brücke zu verbinden. Es gab heftige Verfechter wie auch Gegner dieses Vorhabens. Der Streit zog sich bis zur Jahrhundertwende hin. Die Verwirklichung des Planes stand bereits so dicht bevor, dass Postkarten mit der noch nicht errichteten Brücke gedruckt, verkauft und verschickt wurden. Dann setzten sich aber doch finanzielle Erwägungen und Argumente des Umweltschutzes durch. Man befürchtete, die Schleswiger Abwässer könnten aus dem inneren Schleibecken nicht mehr genügend abfließen und einen übelriechenden Sumpf hinterlassen. Als 1903 der Fährkahn umschlug und die alte Kuchenfrau J anner Knudel, die Fahrdorf mit Backwaren versorgte, fast ertrunken wäre, flammte der alte Streit noch einmal auf, um dann endgültig zu den Akten gelegt zu werden.

Wenn auch niemals eine feste Verbindung zwischen Fahrdorf und der Freiheit entstand, kam doch einmal eine vorübergehende zustande. Im Herbst 1967 bauten Bundeswehrpioniere eine Pontonbrücke von Fahrdorf zum nördlichen Schleiufer- und die Fahrdorfer Landwirte konnten ein paar Tage lang über diese Brücke Rüben an die Zuckerfabrik in Schleswig liefern. Das Kloster verpachtete 1898 die Fähre mit Fährhaus und Schankgerechtigkeit für zehn Jahre an E. Nielsen. Damals belief sich die Pachtsumme auf 300 Mark jährlich. Die Landungsstege und die beiden Boote musste der Fährmann auf seine Kosten unterhalten. Den Ausgaben standen als Einnahme 8 Pf pro Person und Überfahrt gegenüber. Die Loopstedter Familien konnten sich durch eine einmalige Zahlung von 60 Pf das ganze Jahr übersetzen lassen. Bei diesen Gebühren dürfte der Fährbetrieb nicht mehr lohnend gewesen sein, und es verwundern nicht die Klagen über die Vernachlässigung der Anlegestege und der Signalanlagen.

Bei der Gelegenheit erfährt man, dass die Passagiere bei Niedrigwasser noch immer auf dem Rücken des Fährknechts in den Kahn getragen wurden, "wogegen sich die Damen meist sträuben". Einen früheren Fährknecht hatte schon Adelbert Graf Baudissin als einen zuverlässigen Mann "mit unendlichen Wasserstiefeln" beschrieben, der mit den Passagieren auf dem Rücken noch nie gestrauchelt sei.

Der letzte Fährmann Willy Callsen erleichterte sich die Arbeit, indem er einen Ford 4-Zylinder Automotor in den Fährkahn einbauen ließ. Doch fand die Fähre schon bald ihr Ende, als in der Mitte der 30er Jahre auf der Schleswiger Freiheit Kasernen gebaut wurden. Versuche, die Fähre nach dem Zweiten Weltkrieg wiederzubeleben, scheiterten. Inzwischen hatte Fahrdorf bessere Verkehrsverbindungen über die Bundesstraße 76 nach Schleswig. Die Fähre war überflüssig geworden. Geblieben aber sind das mehrfach umgestaltete Gebäude und der Name. Im "Alten Fährhaus" betreibt Tanja Hempfing heute eine Gaststätte, die zu privaten und öffentlichen Anlässen gerne genutzt wird.